Calden: Nein! – Doch! – Oooh!

Vor zwei Wochen berichtete die gedruckte regionale Tageszeitung über die Finanzen der Gemeinde Calden. Auf Grund von Abschreibungen und Zinslasten sei der Haushalt mit über einer Million Euro so belastet, dass die Gemeinde Infrastruktur wie das Freibad oder Gemeindehäuser verkaufen müsse. Heute berichtet die Zeitung dann davon, wie sehr der Flughafen Kassel-Calden die Gemeinde finanziell belastet. Da bleibt wohl nur Louis de Funès und Bernard Blier in Camouflage – Hasch mich, ich bin der Mörder zu zitieren: Nein! – Doch! – Oooh!

Calden will angeblich „an allem Sparen“

Mit diesem Aufmacher wird in der Tageszeitung aufgezählt, an welchen Stellen die Gemeinde Calden für das Jahr 2015 sparen wolle: Freibad, Gemeindehäuser, Sporteinrichtungen sowie die Ortsbeiräte sollen gestrichen oder anders organisiert werden. Begründet wird dies mit einem Minus von 1,2 Millionen Euro. Diese Summe erscheint für eine Gemeinde mit über 7000 Einwohnern [Quelle: Statistik-Hessen.de] allerdings erst einmal gar nicht so gravierend: Das wären etwa 2000 Euro pro Einwohner.

Bilanz des neuen Flughafens

Im Artikel vom Samstag tauchen auf einmal ganz andere Zahlen auf, die die Geldnot begründen: So schlug das Flughafen-Defizit für die Gemeinde Calden im Jahr 2013 mit 420 000 Euro zu Buche, die 1,2 Millionen Euro ist der gesamte in jenem Jahr aufgelaufene Verlust. Für 2014 wird sogar mit einer halben Million Euro gerechnet. Insgesamt sei die Gemeinde allerdings mit 23 Millionen Euro verschuldet, also dem rund 60-fachen des jährlichen „Flughafen-Anteils“. Woher dieser „Schuldenberg“ kommt, wird im Artikel nicht genannt, allerdings dürfte die Gemeinde Calden entsprechend ihres Anteils von 6 Prozent an der Flughafen GmbH Kassel auch an den Baukosten beteiligt gewesen sein. Und obwohl die Tageszeitung Ende 2012 vollmundig nicht endende gute Nachrichten für den Flughafen vermeldete, zitiert sie nun Caldens Bürgermeister so, dass der Flughafen bislang keine zusätzlichen Steuereinnahmen generiere.

Nur: Hätte man das nicht vor zwei Wochen schon in dem Artikel genau so drastisch auf den Punkt bringen können? Oder hätte sich die Schlagzeile „Calden muss kommunale Einrichtungen wegen Flughafen schließen“ nicht so gut verkauft?

P. S.: Wer sich noch wundern könnte

Neben der Gemeinde Calden sind auch die Stadt Kassel sowie der Landkreis mit jeweils 13 Prozent an der Flughafen GmbH beteiligt. Das Flughafen-Defizit belastet also auch direkt deren Haushalte, was soweit erst einmal keine Überraschung ist. Beide sind allerdings auch Träger des Nordhessischen Verkehrsverbunds (NVV) und finanzieren daher das nordhessische ÖPNV-Angebot mit. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2013 hat der NVV die „ExpressBus“-Linie 100 vom Bahnhof Wilhelmshöhe zum Flughafen Kassel-Calden eingeführt: Montag bis Freitag von früh bis spät im Stundentakt, am Wochenende alle zwei Stunden. Nun ist es kein großes Problem, die Nachfrage einer ÖPNV-Linie durch Beobachtung zu ermitteln. Zumindest im Verlauf innerhalb der Stadt Kassel sind die Gelenkbusse (typischerweise mit einer Kapazität von rund 130 Fahrgästen) meist leer unterwegs. Sofern also nicht an der Stadtgrenze oder in Vellmar reihenweise Fluggäste in den „Shuttle-Bus“ zusteigen, bezahlt der NVV hier den Transport von hauptsächlicher „heißer Luft“. Das Defizit dieser Buslinie könnte sich also zusätzlich in den kommunalen Haushalten widerspiegeln. Wobei dann trotzdem die Frage offen bleibt, wie hunderte Fluggäste 2013 zum und vom Flughafen gekommen sind.

5 Gedanken zu “Calden: Nein! – Doch! – Oooh!

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  2. Das ist ja der Wahnsinn, das du das hier immer noch machst. Freut mich. Übrigens auch toll ist, das du in HNA Online verlinkt bist. Toll im Sinne von verrückt. Denn diesen Blog dort zu verlinken, wodurch im Vergleich ihre Artikel als noch laienhafter wahrgenommen werden können als sowieso…

    Die Schließungsangelegenheit ist ziemlich traurig. Mehr kann ich dazu jetzt nicht sagen. Aber noch eine Frage: Hast die 100er Buslinie denn repräsentativ überprüft ?
    Gruss, Max

  3. Was heißt in diesem Sinne „repräsentativ überprüft“? Das geht doch nur mit einer Verkehrszählung über verschiedene Wochentage und Jahreszeiten. Für jemanden, der hauptberuflich etwas ganz Anderes macht, ist so etwas gar nicht zu leisten. Deshalb steht ja oben auch, dass die Nachfrage „die Nachfrage einer ÖPNV-Linie durch Beobachtung“ ermittelt werden kann. Und nichts Anderes habe ich bis dato sporadisch durchgeführt.

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