noKAGIDA (7): Was die HNA nicht verrät (II)

Montag ist (no)KAGIDA-Tag. Wie unterscheidet sich die Berichterstattung des Lokalmonopolisten von anderen Medien, die über KAGIDA berichten?

HNA-Blog kasse-live.de:

Bei kassel-live.de wird ein Reden-Auszug eines AfD-Politiker wiedergegeben, der regelmäßig bei KAGIDA spricht. Unkommentiert verbreitet so die HNA, bei der KAGDIA-Demo handle es sich um keine „ausländerfeindliche, islamfeindliche oder rassistische Veranstaltung“. Gerne kann die HNA ja KAGIDA-Redner wiedergeben, eine journalistische Einordnung wäre aber auch ganz okay, statt reinem Verlautbarungsjournalismus.

fr-online.de:
Wie beispielsweise fr-online.de, die nicht nur durch reinen Verlautbarungsjournalismus auffallen, sondern auch recherchieren können. Zusammenfassung der detaillierten Rechereche:

„Kagida setzt Rechtsextreme, die unter anderem durch massive Hetze und wüste Drohungen im Internet aufgefallen sind, als Ordner ein. Der Kasseler AfD-Sprecher Manfred Mattis unterstützt die Demonstrationen trotzdem.“

Damit geht die fr-Recherche über die bisherige HNA-Berichterstattung deutlich hinaus, die Rechtsextreme nur als Teilnehmer der KAGIDA-Demo bezeichnete und schrieb „AfD läuft mit Nazis„. Nein, „AfD organisiert Demos mit Nazis“ müsste es jetzt nach den fr-Recherchen heißen.

Gefunden hier:
fr-online vom 08.02.15: Rechtsextreme Ordner bei Kagida-Demo

noKAGIDA (4): Polizei prügelt

Publikative.org, ein Watchblog der Amadeu Antonio Stiftung über die rechte Szene, berichtet von Polizeigewalt am 05. Januar. Beamte prügelten während der (no)KAGIDA-Demos zwei Antifaschisten krankenhausreif (Gehirnerschütterung und Jochbeinbruch). Polizeigewalt – Ein Thema für die HNA? Eher nicht, im Interview vom 13.01. bügelt der Pressesprecher der Polizei die Vorwürfe als „völlig haltlos“ ab:

Anhänger des Bündnisses gegen Rechts haben sich in der vergangenen Woche bei der HNA gemeldet und behauptet,
Gegendemonstranten seien von der Polizei krankenhausreif
geschlagen worden. Stimmt das?

[Polizeisprecher Torsten] WERNER: Diese Vorwürfe sind
völlig haltlos.

Wenn die Polizei sagt, es gäbe keine Polizeigewalt, dann glaubt die HNA dies erst einmal treudoof. Kritik an der Polizei findet sich in der HNA-Berichterstattung über die letzten Montagabende keine. Anlässe für Kritik hätte es genug gegeben (siehe unten), aber HNA und Polizei bilden in Kassel eher eine Symbiose.

Deutliche Kritik an der HNA kommt von Publikative.org:

Dass die Polizei in Kassel ohne öffentlich wahrnehmbaren Widerspruch auf diese Weise vorgehen kann, liegt auch an lokalen Medien, die ihre Kontrollfunktion eher selten wahrnehmen. So berichtete die Hessische/Niedersächsische Allgemeine, die einzige Kasseler Lokalzeitung, zunächst ohne Berücksichtigung der Schilderungen der Opfer über die Prügelattacken, obwohl das Bündnis gegen Rechts eine entsprechende Pressemitteilung herausgegeben hatte. Die Zeitung gab aber einem Polizeisprecher die Möglichkeit, die Vorwürfe als »völlig haltlos« zu bezeichnen. Zwei Wochen später kamen die Opfer dann doch noch zu Wort.

Warum die HNA erst am 27.01. kritisch über die Polizeigewalt berichtet, obwohl schon zwei Wochen bekannt?

Die betroffenen Gegendemonstranten schilderten den Vorfall nun in einem Gespräch mit der HNA. Informationen darüber lagen unserer
Zeitung schon länger vor. Weil diese bis dahin aber unvollständig und teils widersprüchlich waren, berichten wir über den Vorfall erst jetzt nach direktem Kontakt mit den Betroffenen, bei dem sie ärztliche Befunde vorlegten.

Die Informationen waren also widersprüchlich? Weil der Polizeisprecher dem Vorwurf auf Nachfrage widerspricht, wird nicht berichtet?! Da fällt einem auch nichts mehr ein. Die HNA glaubt eher der Polizei als den Gewaltopfern (sollen die sich selber verletzt haben?) und schweigt erst einmal. Eine Anzeige der Opfer liegt nicht vor, darauf verweist gerne auch der Polizeisprecher:

Den betroffenen Personen stehen wir gern für Rücksprachen zur Verfügung“, so Werner.

Achso, und ich dachte immer Körperverletzung im Amt sei ein Offizialdelikt und wird genauso wie Strafvereitelung von Amts Wegen verfolgt.

Gefunden hier:
Hessische Allgemeine vom 13.01.15, Seite 2: Hinterhöfe und Eingänge werden untersucht
Interview mit Polizeisprecher Torsten Werner: Bei Demo-Einsätzen werden jeden Montag mehrere Hundert Polizisten benötigt

Hessische Allgemeine vom 27.01.15, Seite 4: Zwei Verletzte nach Demo / Kagida-Gegner klagen über hartes Vorgehen von Polizeibeamten Anfang Januar

noKAGIDA (3): Attacken auf die und von der Polizei

AttackenSo,so. Attacken auf die Polizei prangt am 13.01. auf der HNA-Titelseite. Im Artikel ist nur von einer Attacke (Singular!) zu lesen:

Die Demonstrationen blieben friedlich. Allerdings seien im Anschluss zwei Polizisten vermutlich von zwei Personen aus dem linken Spektrum angegriffen und leicht verletzt worden, als sie vor dem Präsidium aus ihrem Fahrzeug ausstiegen, sagte Pressesprecher Torsten Werner. Die Täter seien flüchtig.

Ein Glück für die Polizei-PR, dass sie sich in einem Interview (1/3 der Seite) selber darstellen darf. Auszug:

Anhänger des Bündnisses gegen Rechts haben sich in der vergangenen Woche bei der HNA gemeldet und behauptet,
Gegendemonstranten seienvon der Polizei krankenhausreif
geschlagen worden. Stimmt das?

[Polizeisprecher Torsten] WERNER: Diese Vorwürfe sind
völlig haltlos.

So, so völlig haltlose Vorwürfe sagt der Polizeisprecher im Interview (vgl. noKAGIDA (4): Polizei prügelt).

Erst einen Tag später, am 14.01. berichtet die HNA, über Attacken der andern Art. Obwohl KAGIDA angeblich für die Meinungsfreiheit demonstriert, attackiert KAGDIA die Meinungsfreiheit:

ffhkagida

Auch die Pressefreiheit wurde attackiert, von der Polizei, wie bei publikative.org (und natürlich nicht in der HNA) zu lesen ist:

Auch einzelne Journalisten beklagten sich über die Vorgehensweise der Polizei. So verwehrten Ordner der Kagida zwei Reportern den Zutritt zum Kundgebungsort. Der anwesende Polizeipressesprecher habe sich trotz Bitten nicht darum gekümmert, die freie Berichterstattung zu garantieren, so einer der Journalisten. In einem anderen Fall beschimpfte ein Polizeibeamter einen Berichterstatter als »Möchtegernjournalisten«, wie ein Video belegt.

Polizei und HNA bilden in Kassel eine Symbiose. Statt die Polizei zu kritisieren, laufen die HNA-Redakteure montags in trauter Zweisamkeit seit an seit mit dem Pressesprecher der Polizei.

Gefunden hier:
Hessische Allgemeine vom 13.01., Seite 1&2: Attacken auf Polizei nach Kagida-Demo
Hessische Allgemeine vom 14.01., Seite 19: Am Rande der Kagida-Demo / Ordner verbietet Teilnehmer den Mund

noKAGDIA (2): Eskalation nicht verhindert

Am 01. Dezember 2014 fand die erste KAGIDA-Demo am Scheidemann-Platz statt und wurde von einer Gegendemo begeleitet. Am Folgetag titelte die Hessische Allgemeine: „Eskalation verhindert“.Eskalationverhindert

Weiter heißt es:

Einige Teilnehmer der von DGB und dem Kasseler Bündnis  gegen Rechts organisierten Gegendemonstration versuchten, auf Kagida-Anhänger loszugehen, […].

Genau das Gegenteil schreibt am 02. Dezember fr-online.de:

Aufgebrachte Teilnehmer [gemeint sind KAGIDA-Anhänger] mussten daraufhin von der Polizei daran gehindert werden, auf die Gegendemonstranten zuzurennen. Gleichwohl gab es einige Scharmützel.

Zum Streiten gehören immer mindestens Zwei. Das aber ließ die HNA gekonnt unter den Tisch fallen und setzte einseitig auf Informationen der Polizei. Die bei Demos aber auch nicht als neutral betrachtet werden kann, sondern Eigeninteressen verfolgt. So verwundert es nicht, dass die Polizei nicht für ihre taktischen Fehler kritisiert wurde. „Eskalation bei Anti-Islamisten-Demo verhindert“ ist wohl die falsche Überschrift für die von der Polizei unterlassene klare Trennung der beiden Seiten und die dadurch mögliche Keilerei (gegen 19.10 Uhr).

Ja, Rechte haben mit „Inzucht-Pack“-Rufen provoziert und das Absperrgitter in Richtung Gegendemo verlassen; Ja, die Polizei hat jene daran nicht gehindert, sondern Polizisten abgezogen, um an falscher Stelle eine Polizeikette zu bilden und damit eine Lücke zwischen Rechten und Linken gelassen. Die Berichterstattung der HNA kennt aber nur eine einseitige Schuldzuweisung:Einseitigeschulnokagdia

Mein Sprachmemo trifft die Wahrheit wohl besser: „19.15 Uhr Prügelei mit der Polizei: Linke, Rechte und Polizei.“ Zum Streiten gehören immer zwei, ist die Polizei beteiligt, so sind es drei Akteure. Genauso wie der Polizeisprecher, der sich zeitweise peinlich berührt wegdrehte, konnte ich die Szenerie gut beobachten. Die berichtende HNA-Redakteurin habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht gesehen. Aber für die HNA reicht es wohl, wenn der Polizeisprecher die fehlenden eigenen Beobachtungen ersetzt. Wer so arbeitet, kann ja gleich die Antifa oder KAGIDA die Artikel schreiben lassen.

Gefunden hier:
Hess. Allgemeine vom 2. Dezember 2014, Seite 1&2: Anti-Islamisten-Demo: Eskalation verhindert

noKAGIDA (1): Wut auf die Presse

Das Schweigen ist zu Ende: Es folgen ein paar Anmerkungen zu zwei Monaten HNA-Berichterstattung über KAGIDA. „Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“ nennt sich der offizielle PEGIDA-Ableger, der wöchentlich seit dem 02. Dezember 2014 in Kassel demonstiert. Immer mal wieder hatte die HNA die Abkürzung fälschlich mit „Kasseler gegen Islamisierung des Abendlandes“ wiedergegeben. Weitere Kritik in diesen Artikeln:

  1. noKAGIDA (2): Eskalation nicht verhindert
  2. noKAGIDA (3): Attacken auf die und von der Polizei
  3. noKAGIDA (4): Polizei prügelt
  4. noKAGIDA (5): ExtraTIP keine Lügenpresse

Zur Thematik: „PEGIDA – Terrorismus – Journalismus“ findet am Mittwoch, 4. Februar um 19.30 Uhr unter dem Titel „Wut auf die Presse: Wenn Journalisten zur Zielscheibe werden“ eine Veranstaltung des Kasseler Presseclubs statt:

Das Attentat auf Charlie Hebdo am 7. Januar war auch ein Anschlag auf die Pressefreiheit – was bedeutet es für Journalisten und Zeitungen? Wie berichten sie? Bleiben sie neutrale Beobachter? Zeigen sie Solidarität mit den Opfern des eigenen Berufsstandes? Ändern sie ihren Umgang mit Mohammed-Karikaturen? Gleichzeitig erleben wir in Deutschland mit Pegida, Kagida etc. eine Bewegung, die vor einer angeblichen Islamisierung des Landes spricht und die Medien als „Lügenpresse“ verteufelt. Über diese Fragen und Entwicklungen wollen wir diskutieren und laden Sie herzlich ein am

Mittwoch, 4. Februar
Einlass: 19:00, Beginn 19.30 Uhr
Tagungsraum im Südflügel Kulturbahnhof, 1. OG
Kassel, Rainer-Dierichs-Platz 1

Es diskutieren:

  • Horst Seidenfaden, Chefredakteur der HNA
  • Heinrich Maria Löbbers, Ressortleiter Kultur der Sächsischen Zeitung, Dresden
  • Dechant Harald Fischer, St. Familia Kassel
  • Martin Sonntag, Leiter der Caricatura Kassel

Die Moderation übernimmt Karl Waldeck, Direktor der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Im Anschluss ist bei einem Glas Wein oder Wasser Zeit und Raum für Gespräche.