Feuerwehr sperrte umgehend ab

Seit Sonntag berichtet die HNA mehrfach und detailliert über einen Rettungsdiensteinsatz in Gudensberg. Anlass: Das Gewicht der Patientin. Ich finde die Berichterstattung in mehreren Punkten unangemessen.

Grundsätzlich ist das öffentliche Interesse an einem Krankenhaustransport sehr gering. Um nicht zusagen: gleich null. Sicherlich ist es etwas besonderes, wenn so viel Personal- und Geräteeinsatz für 3 Stunden notwendig ist. Durch die spezielle Situation ist eine geringfügige Berichterstattung (Nachricht!) sicherlich angemessen. Die HNA-Aufmachung ist aber unangebracht!

Die Aktion blieb nicht unbemerkt, zahlreiche Schaulustige kamen zum Einsatzort. Die Feuerwehr sperrten diesen umgehend ab.“ schreibt die HNA. Unverständlich ist es für mich, warum Passenten einige Meter verbannt wurden, der Fotograf aber in unmittelbarer Nähe tätig sein durfte. Grundsätzlich ist bei Rettungseinsätzen die Privatsphäre durch geeignete Mittel zu wahren. Dies bedeutet auch Fotografen fernzuhalten, ggf. Sichtschutz durch Decken zu installieren. Immerhin hatte die HNA genug Anstand die „spektakulärsten“ Bilder nicht zu veröffentlichen und die Bilderstrecke artete nicht so gravierend aus, wie hier verlinkt. Die 28-Bilder umfassende Klickstrecke dient nicht der Information, sondern lediglich der Sensationsbefriedigung.

Durch die Bildberichterstattung verrät die HNA den genauen Wohnort. Diese identifizierende Berichterstattung ist laut Pressekodex unzulässig:

Ziffer 8 – Schutz der Persönlichkeit

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. […] Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein. Die Presse gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Dass es der HNA an keiner sachlichen Berichterstattung liegt, ist am zweiten Artikel sichtbar. Ungefragt wird die „300-kg-Frau“ von der „9-Leute-Redaktion“ beratschlagt öffentlich bloßgestellt.

Der Artikel in Kürze:

Irgendwann ist man nicht mehr „nur dick“. Dann ist man krankhaft fett. Fettsüchtig. [Das Vorherstehende ist kein Zitat, sondern Redakteurshandschrift, lk! …] Der Frau aus Gudensberg bietet Elke Döring Unterstützung an. „Es kann zu Beginn schon etwas bewirken, wenn sie im Bett damit anfängt, ihre Arme zu bewegen und immer wieder einen Luftballon fängt. […] „Die Feuerwehr könnte schneller helfen, wenn die Frau statt in einem oberen Stockwerk im Erdgeschoss wohnen würde“, sagt David Zerbes, Leiter des Hauptamtes der Stadt Gudensberg und zuständig für die Feuerwehren“

Dass der Redaktion die Privatsphäre der Frau egal ist, offenbart der letzte Absatz. Munter wird aus dem Nähkästchen geplaudert: „Es war bereits das zeite Mal, dass die Feuerwehrleute der Frau zur Hilfe kamen. Bereits vor zwei Jahren habe man ihr aus dem Haus geholfen.“

Gefunden hier:
HNA.de vom 20.10.2013: Feuerwehr rettet 300-Kilo-Frau aus Haus in Gudensberg
HNA.de vom 20.10.2013: Fotos: Feuerwehr rettet 300-Kilo-Frau aus Haus in Gudensberg
HNA.de vom 22.10.2013: Selbsthilfegruppe bietet 300-Kilo-Frau Unterstützung an

Pädophiler nicht pädophil

Ein laut HNA „pädophiler Sexualstraftäter“ ist nach neustem HNA-Bericht doch nicht pädophil. Gestern hatten wir hier das Prädikat „pädophil“ kritisch hinterfragt. Heute findet sich in der gedruckten Melsunger Ausgabe dieser Info-Kasten:

Nicht Pädophil

Versteckte Richtigstellung im Infokasten: Täter nicht pädophil

Diese „Richtigstellung“ ist natürlich etwas mickrig im Vergleich zu den Pädophilie-Vorwürfen. Immerhin wurde der Sexualstraftäter in 3 von 5 relevanten Ausgaben der Melsunger Allgemeinen 6 mal als pädophil charakterisiert. Mehrfach fand er als Pädophiler auch in den anderen Lokalausgaben (vor allem am 12.07.) Erwähnung. Nach Recherchen von lokalzeitungskritik.de wurde diese fälschliche Bezeichnung aber so gut wie gar nicht revidiert. Lediglich in der Hersfelder Zeitung fanden wir noch eine „Richtigstellung“. Dort wird der Mann aber online weiter als „Sex-Täter“ verharmlost.

Richtigstellungen von Falschmeldungen sollten an vergleichbarer Stelle erfolgen, um den selben Kreis an Empfängern anzusprechen. Wer also auf Seite 1 in der Überschrift Pädophile unterstellt, sollte dies auch auf Seite 1 korrigieren! Und nicht auf Seite 2 im Infokasten verstecken. Liebe HNA, die Leserschaft hat zu Recht Anspruch auf wahrhaftige Berichterstattung. Und immer schön sachlich bleiben, besonders wenn man dies selber proklamiert hat.

Gefunden hier:
HNA Melsunger-Ausgabe vom 18.07, Seite 2: Keine Lösung in Sicht

In der ARD-Mediathek bleibt der Sexualstraftäter weiterhin pädophil, zudem nutzt „Maintower – das Boulevardmagazin des hr-fernsehens“ unreflektiert das Wort „Sex-Täter“.

Sex-Täter, Pädophiler oder Sexualstraftäter?

Im Oberaulaer Ortsteil Wahlshausen wohnt ein Sex-Täter, Pädophiler entlassener Sexualstraftäter. Ein heikles, weil sehr emotionales Medienthema. Daher kommentierte die berichtende HNA-Redakteurin am Freitag unter der Überschrift „Keine Hetzjagd“:

Dennoch sollten gerade die Erwachsenen besonnnen [sic!] bleiben. Eine sachliche Betrachtung ist angebracht.

Mit der Forderung nach „sachlicher Betrachtung“ hat die HNA die Latte hoch gelegt. Und gleich im ersten Artikel wieder gerissen. Die Überschrift lautet:

PädophilEin „Pädophiler Straftäter“? Mutig, dies zu behaupten, wenn gleich im selbigen Artikel steht: „Der HNA liegen keine Informationen vor, welche Vergehen der Mann begangen hat.“ Pädophil(ie) ist keine Floskel für die Medienberichterstattung, sondern ein Fachterminus. Spekulation über Pädophile (oder Hebephilie) sollten kein Inhalt einer sachlichen Betrachtung sein. „Psychologische“ Ferndiagnosen der HNA-Redaktion sind schlicht unsachlich. Sextäter

In der weiteren Berichterstattung lässt die Wortwahl „Sex-Täter“ die angekündigte sachliche Betrachtung vermissen. Sex ist ein positiv besetzter Ausdruck. Die Wortwahl „Sex-Täter“ vernachlässigt den Aspekt der Gewalt und des Zwanges, wie Christiane Pütter mit Unterstützung der Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch feststellt:

Es ist ein zählebiges Missverständnis, dass Vergewaltigung und sexueller Missbrauch eine Form von Sex seien. Faktisch haben sie nichts mit Sex zu tun, sondern einzig mit Gewalt. […] Wenn die Medien aus einem Vergewaltiger einen „Sex-Täter“ machen, blenden sie den Aspekt der Gewalt aus, den das korrekte Wort „Vergewaltigung“ benennt. Luise Pusch zieht das Fazit: „Das Wort Sex hat in seriöser Berichterstattung über sexuelle Gewalt nichts zu suchen.“

Heft 5 – 6/2003 [PDF] der Zeitschrift des Bundesvereins zur Prävention von sexuellem Mißbrauch

Die punktierte Zusammenfassung:

„Vergewaltigung ist nicht Sex, denn wenn dir einer mit der Bratpfanne eins überzieht, würdest du das auch nicht als Kochen bezeichnen.“

Die Verwendung des Wortes „Sex-Täter“ ist also unangemessen, und doch in den Medien sehr beliebt. Die HNA hat den „Sex-Täter“ dann schnell durch den Sexualstraftäter ersetzt. Klingt schon etwas langweilig, ist aber – wie häufig im (Straf-)Recht – ein sachlicher Terminus. Nicht verharmlosend wie „Sex-Täter“ und nicht skandalisierend wie „Kinderschänder“.

Hier die Artikel im Überblick:

  • 12.07: Pädophiler Straftäter lebt in Spielplatznähe + Kommentar
  • 12.07Oberaula: Sexualstraftäter soll integriert werden
  • 12.07 (Hersfelder Zeitung)Ehemaliger Sextäter soll integriert werden
  • 13.07 (Kreis Anzeiger)Wegen veränderter Rechtsgrundlage freigelassen: Rückfallgefährdeter Sexualstraftäter lebt nun in Oberaula
  • 16.07Angespannte Stimmung in Wahlshausen: Infoabend zu Sexualstraftäter
  • 12.07 (Hessischer Rundfunk): Pädophiler Straftäter lebt neben Spielplatz (mit Erwähnung des „Sex-Täters“)

Hamburg – nicht Kassel!

Pelé in Grevenbroich? Was für ein Spektakel wäre das für die 60.000-Einwohner-Stadt! Laut Melsunger HNA kommt morgen der Pelé des Windsurfens (Robby Naish) nach Kassel:

Naish

Das Bild zeigt Robby Naish beim Stand-Up-Paddling in HAMBURG auf der Elbe!

Die Sache hat nur einen Haken: die Bildunterschrift in der Ausgabe vom 21. Juni ist fehlerhaft bzw. zweideutig formuliert. Wer glaubt:

„Bald auf dem Bugasee: Ex-Surfweltmeister Robby Naish zeigt Stand-Up-Paddling.“

hieße, Robby Naish, der vielfache Weltmeister im Windsurfen, sei am 06. Juli – 12 Uhr am Bugasee antreffbar, der irrt.

Das dpa-Bild zeigt zwar Robby Naish beim Stand-Up-Paddling, aber nicht er, sondern die neue Trendsportart „Stand-Up-Paddling“ wird auf dem Bugasee zu bestaunen sein. Anlass ist eine Veranstaltung eines Windsurfing-Vereins.

Auf die fehlerhafte Bildunterschrift machte uns ein Leser aufmerksam. Er fragte bei der HNA nach und bekam als Antwort, es wäre der Nachsatz „in Hamburg auf der Elbe“ vergessen worden. Kritisch merkt er an:

Fehler oder Marketing des Veranstalters?

Gefunden hier:
HNA Melsungen vom 21.06.2013 – Seite 4 (Lokaler Service): Surfer stellen neuen Sport vor


Dieser Artikel basiert auf einem Leserhinweis. Möchten Sie uns auch auf etwas in der HNA hinweisen? Dann teilen Sie uns dies doch mit. Wir freuen uns auf ihren Hinweis!

Kassel und die Täler der Ahnungslosen

Wahlkrimi in der Niedersachsen: SPD und Grüne (46,3 %) haben nun doch im Landtag einen Sitz mehr als CDU und FDP (45,9%). Was erfährt der HNA-Leser? Naja, da gibt es Kassel:

HNA_KS

Und dann noch die Täler der Ahnungslosen:

HNA_Fri-HomGleiche Überschrift bei:

  • Hersfelder Zeitung

HNA_MelGleiche Überschrift bei:

  • Mündener Allgemeine
  • Rotenburg-Bebraer
  • Sollinger-Allgemeine
  • Witzenhäuser Allgemeine

HNA_HofGleiche Überschrift bei:

  • Waldeckische Allgemeine
  • Wolfhagener Allgemeine

HNA_Schw

Der gute Redaktionsschluss macht’s möglich.